Zehn weißrussische KZ- und Ghettoüberlebende am HBG


Überlebende der nationalsozialistischen Gräuel berichteten in Gesprächen mit Oberstufenschülern am HBG von ihren traumatischen Kindheitserlebnissen.

Osaritschi, Ausschwitz und Minsker Ghetto: Diese drei Orte stehen wie viele andere für die nationalsozialistischen Gräueltaten während der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Zahl derer, die darüber aus eigener Erfahrung berichten können, wird von Jahr zu Jahr geringer. Umso erfreulicher, dass Schulleiter Ralph Last am 20. September 2018 zehn weißrussische Zeitzeugen am Heinrich-Böll-Gymnasium Troisdorf begrüßen konnte, die als Kinder die unmenschliche Zeit der nationalsozialistischen Besatzung an verschiedenen Orten in Osteuropa überlebt haben. Die zehnköpfige Gruppe gastierte auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werkes vom 16. bis 28. September 2018 zu einem Erholungs- und Begegnungsurlaub in Köln. (Weitere Informationen zum Maximilian-Kolbe-Werk unter: www.maximilian-kolbe-werk.de)


In drei Gruppen berichteten jeweils drei bis vier Zeitzeugen von ihren Erlebnissen während der nationalsozialistischen Besatzung ihres Landes. Dabei wurden viele erschütternde Erfahrungen erzählt, z.B. von dem Wehrmachtsverbrechen in Osaritschi. Dort wurden Zehntausende der weißrussischen, arbeitsunfähigen Bevölkerung, die vielfach infiziert mit Typhus u.ä. war, im Winter 1944 in einem Stacheldrahtverhau zusammengepfercht im vermimten Wald- und Sumpfgebiet ohne Wasser und Lebensmittel zurückgelassen. Dies geschah mit dem Ziel, der vorrückenden Armee nicht mehr als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen und diese vielmehr möglichst mit den Krankheiten zu infizieren. Zehntausende starben in der Kälte oder an den Folgen dieser Wochen des Ausharrens zwischen den Fronten.

 

 


Allerdings kam auch die Hilfe der weißrussischen Bevölkerung zur Sprache. So konnte eine jüdische Zeitzeugin das Minsker Ghetto als Säugling überleben, weil Einheimische das schreiend zurückgelassene und übersehene Baby unter der auf der Flucht erschossenen Mutter mitnahmen und es später von einer anderen Familia adoptiert wurde. Eine weitere Zeitzeugin berichtete von ihren Erlebnissen in Auschwitz. Sie hatte das Kennzeichen ihrer Inhaftierung, ein rotes Dreieck mit einem „R“ (steht für politische Gefangene aus Russland, da sie als Familienangehörige von Partisanenkämpfern galt), und ihre Häftlingsnummer dabei.
Im Anschluss an die Zeitzeugenberichte hatten die Oberstufenschülerinnen und -schüler die Gelegenheit, Fragen zu stellen und mit den weißrussischen Gästen ins Gespräch zu kommen. Kaum ein Teilnehmer blieb unbeeindruckt von den grausamen Erfahrungen der Zeitzeugen, aber auch von der Lebensbejahung, mit der sie das Leben nach der Befreiung angegangen sind, und von ihrer Versöhnungsbereitschaft, welche sie auch heute noch im hohen Alter prägt.
Einige Oberstufenschülerinnen und -schüler der Russischkurse halfen beim Übersetzen und kamen im Anschluss an die Zeitzeugengespräche beim gemeinsamen Mittagessen und bei Kaffee und Kuchen ins Gespräch mit den Zeitzeugen. Für die Teilnehmer der intensiven Begegnung mit den weißrussischen Holocaustüberlebenden war klar, dass der Auftrag an gegenwärtige und kommende Generationen, das Engagement um Frieden, Toleranz und Versöhnung, nie vernachlässigt, sondern gepflegt werden muss.
Schulleiter Ralph Last bedankte sich bei den zehn Gästen ganz herzlich für ihren Besuch am HBG und wünschte ihnen nach den aufwühlenden Erzählungen noch eine schöne und erholsame Zeit mit interessanten Begegnungen im Rheinland.
(Fotos: Judith Häser, Mikalai Filipovich; Text: Daniel Römer)